„Ich mache Kampfkunst.“

Kaum ein Satz ist so angenehm vage. Er klingt nach Disziplin, Körperbeherrschung und einem leicht exotischen Mehrwert fürs Selbstbild. Er signalisiert Tiefe, ohne Details zu verlangen. Vor allem aber erspart er eine unbequeme Frage: Wofür diese Kampfkunst eigentlich einmal gedacht war.

Denn historisch betrachtet waren Kampfkünste keine ästhetischen Bewegungslehren und auch keine pädagogischen Angebote. Sie waren Werkzeuge. Und Werkzeuge entstehen nicht aus philosophischer Neugier, sondern aus Bedarf. Kampfkünste entstanden in einer Welt, in der Gewalt keine abstrakte Möglichkeit war, sondern eine wiederkehrende Realität. Militärische Konflikte, politische Instabilität, organisierte Kriminalität, Personenschutz – das waren keine Sonderlagen, sondern Normalzustände. Kampfkünste waren Antworten darauf. Praktisch, funktional, oft brutal und selten romantisch.

Entscheidend ist dabei nicht der technische Unterschied zwischen einzelnen Systemen, sondern ihr Zweck. Historische Kampfkünste interessierten sich nicht für Schönheit, Fairness oder moralische Vorbildlichkeit. Sie interessierten sich für Funktion. Und diese Funktion sah je nach Kontext sehr unterschiedlich aus. Systeme für Leib- und Personenschutz priorisierten Kontrolle, Positionsarbeit und das Agieren in engen Räumen, oft mit mehreren Beteiligten und unter Waffenbedrohung. Militärische Systeme setzten auf Effizienz, Durchbruch und Ausschaltung – nicht, um zu beeindrucken, sondern um handlungsfähig zu bleiben. Urbane Gewaltmilieus wiederum begünstigten Strategien der Abschreckung, schnellen Eskalation und klarer Dominanz. Gemeinsam war all diesen Systemen, dass Gewalt instrumentell verstanden wurde: als Mittel zum Zweck, nicht als pädagogisches Problem.

Dass uns dieser Gedanke heute Unbehagen bereitet, sagt mehr über unsere gesellschaftliche Entwicklung als über die Kampfkünste selbst. Mit der zunehmenden staatlichen Kontrolle von Gewalt verschob sich auch der Rahmen, in dem Kampfkünste existieren konnten. Moderne Waffen machten viele traditionelle Nahkampfsysteme militärisch zweitrangig, aber kulturell hochinteressant. Sie wurden nicht abgeschafft, sondern umgedeutet. Besonders in China und Japan fanden sie Eingang in nationale Erziehungsprogramme. Kampfkünste sollten nun Körper formen, Disziplin vermitteln und Identität stiften. Gewalt wurde dabei nicht abgeschafft, sondern sprachlich entschärft. Wo früher von Kontrolle oder Ausschaltung die Rede war, sprach man nun von Charakterbildung, Harmonie oder Selbstkultivierung.

Diese Entwicklung war gesellschaftlich sinnvoll und politisch erfolgreich. Sie hatte jedoch ihren Preis. Techniken wurden standardisiert, gefährliche Inhalte entschärft, Waffen aus dem regulären Training verdrängt oder nur noch symbolisch behandelt. Kampfkünste wurden zivilisiert – und mit ihnen ihr Selbstverständnis. Spätestens mit der Sportifizierung war der ursprüngliche Zweck endgültig aus dem Blick geraten. Wettkämpfe machten Kampfkünste vergleichbar, sicher und medientauglich. Sie schufen Regeln, Gewichtsklassen und klare Siegbedingungen. Was sie nicht taten, war, den ursprünglichen Gewaltkontext mitzutransportieren.

Regeln sind nämlich keine Nebensache. Sie definieren den Zweck. Ein Wettkampf fragt nicht, wie eine Bedrohung beendet wird, sondern wer sich innerhalb eines klar begrenzten Rahmens durchsetzt. Das ist legitim, aber etwas grundlegend anderes. Ein System, das für sportlichen Erfolg optimiert ist, trainiert zwangsläufig andere Fähigkeiten als eines, das für unvorhersehbare Gewalt konzipiert wurde. Wer beides gleichzeitig verspricht, betreibt entweder kreatives Marketing oder verwechselt Wirkung mit Funktion.

In dieser Gemengelage taucht zuverlässig ein Begriff auf, der alles zusammenhalten soll: Selbstverteidigung. Er ist der Joker der modernen Kampfkultur. Er klingt notwendig, vernünftig und moralisch einwandfrei – und erklärt fast nichts. Selbstverteidigung beschreibt kein Trainingssystem, sondern ein Ziel, und selbst dieses bleibt meist vage. Meint es Vermeidung, Kontrolle, Eskalation oder existenzielle Gewalt? Ohne Kontext bleibt alles offen. Genau das macht den Begriff so beliebt.

Das eigentliche Problem liegt jedoch tiefer. Es liegt in unserem heutigen Verhältnis zur Gewalt selbst. Viele Menschen haben kein realistisches Bild von Gewalt mehr. Gesellschaftlich ist das eine Erfolgsgeschichte. Funktional ist es ein Problem. Für viele beginnt „extreme Gewalt“ bereits beim Schlag ins Gesicht. Emotional und rechtlich ist das korrekt. Praktisch betrachtet ist es jedoch nur ein sehr kleiner Ausschnitt dessen, was Gewalt sein kann.

Gewalt wird heute häufig als eskalierender Dialog gedacht: Es gibt Warnzeichen, Drohungen, eine Auseinandersetzung, vielleicht eine Rangelei. Diese Vorstellung prägt nicht nur öffentliche Debatten, sondern auch Trainingsrealitäten. Was dabei weitgehend ausgeblendet wird, ist eine andere Form von Gewalt. Eine, die nicht diskutiert, nicht droht und nicht eskaliert. Sie beginnt nicht laut, sondern plötzlich. Sie sucht keine Auseinandersetzung, sondern Gelegenheiten. Sie ist zielgerichtet, kalt und nicht reaktiv. Für viele Menschen ist diese Form von Gewalt kaum vorstellbar – schlicht, weil sie ihr nie begegnet sind.

Moderne Kampfkunstpraxis basiert fast immer auf einem dialogischen Gewaltmodell. Zwei Akteure erkennen einander als Interaktionspartner, reagieren auf Signale, testen Grenzen. Selbst aggressive Szenarien bleiben kooperativ. Historisch betrachtet ist das eine sehr spezielle Form von Gewalt. Viele Kampfkünste entstanden jedoch für Situationen, in denen Gewalt nicht dialogisch war. Nicht fair, nicht vorhersehbar, nicht gegenseitig.

Dass viele Kampfkünste heute von Menschen praktiziert werden, die keinen Kontakt zu realer Gewalt haben, ist kein Vorwurf. Es ist eine Tatsache – und eine gute. Problematisch wird es dort, wo diese Tatsache nicht reflektiert wird. Trainingssysteme passen sich zwangsläufig dem Erfahrungsraum ihrer Übenden an. Inhalte werden entschärft, Zielsetzungen verschoben, Risiken minimiert. Nicht aus Feigheit, sondern aus Anpassung.

Was dabei verloren geht, sind selten Techniken. Was verloren geht, sind Entscheidungslogiken. Wann Gewalt beginnt. Wie früh sie eingesetzt wird. Wie wenig sie angekündigt wird. Und wie sehr sie davon abhängt, Initiative zu ergreifen, statt zu reagieren. Diese Dinge lassen sich nicht durch Technikdrills ersetzen, wenn der mentale Referenzrahmen fehlt.

Was aus all dem folgt, ist keine moralische Abrechnung, sondern eine praktische Konsequenz. Kampfkünste sind Werkzeuge. Und Werkzeuge sollten nach dem beurteilt werden, wofür sie gemacht sind. Wettkampf kann eine hervorragende Schule für bestimmte Aspekte von Gewaltkompetenz sein: Stressresistenz, Entscheidungsfähigkeit unter Druck, Distanzgefühl, Durchsetzungswillen. Für dialogische, symmetrische Gewaltformen ist er oft ehrlicher als vieles, was sich „realistisch“ nennt. Er leistet nur nicht alles – und behauptet das idealerweise auch nicht. Dazu haben wir ja auch in dem Artikel „Wofür trainieren“ etwas geschrieben.

Die entscheidende Frage ist daher nicht, wie realistisch eine Kampfkunst ist. Sie ist auch nicht, welcher Stil der „echte“ sei. Die entscheidende Frage lautet: Was genau will ich eigentlich können – und warum? Will ich mich messen, mich fordern, eine Überlieferung/Tradition bewahren, mich entwickeln, mich ausdrücken? Oder glaube ich, mich auf Situationen vorzubereiten, die ich weder kenne noch realistisch simulieren kann? Und passt das Werkzeug, das ich dafür benutze, wirklich zu diesem Ziel – oder gefällt mir nur die Geschichte, die ich mir darüber erzähle?

Diese Frage ist unbequem, weil sie Illusionen zerstört. Sie ist unangenehm, weil sie Verantwortung zurückgibt. Aber sie ist ehrlicher als jede Stildebatte, jede Traditionsbeschwörung und jedes Marketingversprechen. Kampfkünste verlieren nicht ihren Wert, wenn sie ihre Grenzen kennen. Sie verlieren ihn dort, wo sie Grenzen leugnen. Denn nichts ist irreführender als ein Werkzeug, das man mit großer Überzeugung benutzt, ohne je überprüft zu haben, wofür es überhaupt gemacht wurde – und ob man es dafür wirklich braucht.

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